Freistaat Thüringen Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit

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Grußwort der Landtagspräsidentin

Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski
Präsidentin des Thüringer Landtags
Grußwort zur Verleihung der Thüringer Rose 2005
19. November 2005, Eisenach, Wartburg


Sehr geehrter Herr Minister Dr. Zeh,
liebe Preisträger und Preisträgerinnen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

jedes Jahr küren der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut das schönste deutsche Wort. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern: Im letzten Jahr haben die Habseligkeiten das Rennen gemacht – ausgewählt aus 22.838 Einsendungen aus 111 Ländern. Beim Durchblättern einiger dieser vielen Vorschläge ist mir damals besonders ein Wort aufgefallen, das ich persönlich auch gern ganz weit oben gesehen hätte: die Hochherzigkeit.

Hochherzigkeit – das Wort hat seinen Ursprung im 17. Jahrhundert, sagen Germanisten. Ein wenig klingt es auch so: altmodisch und betagt. Angestaubt vielleicht sogar, ein Wort mit Patina. Passt das überhaupt in unsere Zeit?

In der Antike galt die Hochherzigkeit als eine jener Eigenschaften, der sich vornehm gesinnte Männer befleißigen sollten. Sie war eine edle Tugend.
Aristoteles definierte sie als Freigiebigkeit, die um die Größe des erbrachten Opfers und die Beträchtlichkeit des betriebenen Aufwands ergänzt werden muss.

Als Ikone moderner Freigiebigkeit gilt Bill Gates, der reichste Mann der Welt und Gründer der Firma Microsoft. Er soll stolze 25 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke gespendet haben. (Nur zum Vergleich: Der Haushalt des Freistaats Thüringen in diesem Jahr beträgt rund 9,4 Milliarden Euro, also 11,1 Milliarden Dollar.)

Angesichts dieser Schwindel erregenden Zahlen mögen manche einwenden: Hochherzigkeit muss man sich auch leisten können. Menschen wie Bill Gates zum Beispiel können aus ihrer sicheren Position heraus relativ einfach hochherzig handeln. Keine Frage: Bill Gates kann und sollte es sich wirklich leisten, Gutes zu tun.

Aber machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir Hochherzigkeit nur als Geldgeben betrachten und sie als Tugend der Besserverdiener abtun? Sind wir nicht alle in der Lage, etwas für die Gemeinschaft zu tun, unabhängig davon, ob unser Geldbeutel groß ist oder klein?

Für mich bedeutet Hochherzigkeit, das zur Verfügung zu stellen, was wir alle nur in begrenztem Umfang besitzen und was auch mit Geld nicht zu erwerben ist. Ich meine Lebenszeit. Sie alle, die Sie im Ehrenamt tätig sind, stellen Ihre Zeit und Kraft anderen zur Verfügung. Sie spenden Ihren Mitmenschen Ihre Tatkraft und Energie, Ihre Liebe und Zuwendung.

So gesehen ist die Hochherzigkeit eine sehr aktuelle Tugend. Aber ist sie auch kompatibel mit dem modernen Zeitgeist, von dem viele meinen, er huldige nur dem Eigennutz und der Selbstverwirklichung? Zwar sprechen wir heute wieder viel über Tugenden. Über Werte, auch über den Wertewandel. Alte Tugenden werden wieder entdeckt, das Pflichtbewusstsein zum Beispiel oder auch die Zuverlässigkeit. Wie steht es da mit der Nächstenliebe, mit unserer Hochherzigkeit? Auf welchem Platz unserer Werteskala rangiert sie?

Eigentlich gelten Pluralisierung und Individualisierung als die Kennzeichen unseres modernen Gemeinwesens. Die Menschen definieren ihr Selbstbild immer unabhängiger von gesellschaftlichen und sozialen Bindungen. Sie bevorzugen jene Lebensentwürfe, die ihnen größtmögliche Freiheiten und beste berufliche Chancen bieten. Es geht ihnen um Selbstverwirklichung. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ heißt ein altes Sprichwort, das heute mehr denn je berechtigt scheint.
Soziologen leiten aus diesem Prozess der Individualisierung einen neuen Typus von Solidarität für die Zukunft ab, der wenig mit dem zutun hat, was wir unter Nächstenliebe und Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber verstehen. Kulturpessimisten befürchten, Solidarität sei bald nur noch dort zu finden, wo sich die Menschen aus der Not heraus zusammenschließen zu einem sozialen Netzwerk auf Abruf, das jederzeit kündbar ist, wenn die Notlage entfällt. Solidarität und Gemeinschaftssinn würden so zum Beistandspakt auf Zeit.

Diese Kritiker übersehen: Der Individualisierungsprozess, an dessen Ende der völlig vereinzelte und bindungslose Mensch stünde, läuft den Grundkoordinaten des humanen Daseins vollständig entgegen. Keine Selbstdefinition des Menschen kommt ohne den Bezug zu anderen Menschen aus. Jeder braucht die Gesellschaft genauso, wie die Gesellschaft uns braucht. Wiederum war es Aristoteles, der frühzeitig vom „zoon politikon“ sprach: Vom Menschen als geselligem Wesen.

Und: Gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels, wie wir ihn durch die Globalisierung erleben, versichern sich die Menschen ihrer Bindungen an die Gemeinschaft, weil sie ein Bedürfnis nach Geborgenheit, Stabilität und Verlässlichkeit verspüren.

Deshalb bin ich sicher, dass Solidarität, Nächstenliebe und Verantwortungsbereitschaft auch in Zukunft die Grundprinzipien unseres Gemeinwesens bilden. Solidarität bleibt auch weiterhin eine Frage von Pflicht und Moral, von Fürsorge und Nächstenliebe und geht uns als Lebens- und Handlungsprinzip alle an. Aber es muss im Rahmen der sich wandelnden Gesellschaft immer neu durchdacht und vor allem bewusster praktiziert werden.

Wir brauchen eine neue Balance zwischen dem Ich und dem Wir, ein Gleichgewicht zwischen dem Prinzip der Selbstverwirklichung und den Werten der Gemeinschaft. Individuelle Chancen müssen befördert werden. Zugleich sollte ein Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt bewahrt bleiben, um denen zu helfen, die die Kosten und Risiken der individuellen Freiheit nicht vollständig alleine tragen können.

Friedrich Schiller hat dieses Prinzip mit folgenden Worten umrissen: „Seid edel, und großherzig schenkt einander die unabtragbar ungeheure Schuld.“

Es ist nicht bekannt, ob Schiller sich auch am Gleichnis der „Heiligen Elisabeth von Thüringen“ orientierte, als er dieses Prinzip der gegenseitigen Verantwortlichkeit formulierte. Es handelt von einer Frau, die ohne Rücksicht auf eigene Zwänge und Befindlichkeiten in eben solcher Weise edel und großherzig, hungernde Kranke und Bedürftige mit Brot versorgt.

Sie, liebe ehrenamtlich Tätige, spiegeln mit Ihrem Lebenswerk – in modernen Dimensionen – die Parabel jener Elisabeth aus Eisenach, die selbstlos im Stillen Hilfe leistet und Verantwortung da übernimmt, wo andere achtlos vorübergehen.

Die Bandbreite Ihrer Aktivitäten ist enorm: Sie reicht von der Pflege Kranker und Bedürftiger, über die Kultur und den Denkmalschutz, in den Sportbereich bis hin zur Unterstützung für Jugendliche und Arbeitslose. Mit Ihrem Ehrenamt übernehmen Sie freiwillig eine große Verantwortung für die Gemeinschaft, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Immer sind es die anderen, denen Ihre Aufmerksamkeit gilt. Heute wollen wir die Rollen vertauschen und Sie sollen im Rampenlicht stehen. Wir wollen Ihre Arbeit und Ihren Einsatz würdigen.

Mit Ihrem Engagement, liebe Preisträger, tragen Sie Unschätzbares für unser Gemeinwesen bei. Gerade durch Menschen wie Sie, die sich stärker einbringen, als es ihre Pflicht erfordert, freiwillig mehr leisten zu Gunsten anderer, zu Gunsten des Ganzen, entsteht ein tragendes, lebendiges Gemeinwesen. Denn vieles, was unser Land so lebens- und liebenswert macht, kann man nicht durch Vorschriften oder Gesetze einfordern: Wärme und Herzlichkeit zum Beispiel oder Hilfsbereitschaft den Schwächeren und Bedrängten gegenüber.

Sich aus freien Stücken für die Allgemeinheit einzusetzen oder für den Nächsten dazusein – das ist Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein und Solidarität für die Gemeinschaft. Auf diesen Säulen, auf Verantwortungsbewusstsein und Solidarität, ist unsere freiheitliche demokratische Grundordnung aufgebaut. Erst durch die Mitwirkung und Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger wird unser Gemeinwesen lebensfähig.

Für Sie persönlich bringt Ihr ehrenamtliches Engagement große Herausforderungen mit sich und führt zu Belastungen, die wir keinesfalls unterschätzen. Denn Beruf, Familie und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen, das ist oftmals schwierig. Dazu braucht man Ausdauer, Mut und Glaubensstärke.

Angesichts dieser Anforderungen halte ich die Frage für völlig legitim, ob sich Ihr großartiger Einsatz auch für Sie persönlich lohnt. Häufig genug erhalten Sie ja keine finanzielle Kompensation Ihrer Arbeitsleistung, sondern steuern selbst noch Geld bei. Es ist eine andere Art von Lohn, die Sie bekommen: die Anerkennung und die Achtung Ihrer Mitmenschen, aber auch Ihr Spaß an der Arbeit. Ganz sicher treiben Sie auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung und die wohltuende Gewissheit, Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Ehrenamt und Selbstverwirklichung – das sind für mich keine unvereinbaren Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille. Gleichzeitig sich selbst und anderen Gutes zu tun – das steht in keinerlei Widerspruch. Niemand sagt, dass Altruismus und Hochherzigkeit nicht auch persönliche Bereicherung sein dürfen. Es wird von niemandem verlangt, sich nur für andere aufzuopfern. Vielmehr geht es doch darum, herauszufinden, wie das eigene Leben gelingen und unser Gemeinwesen aktiv gestaltet werden kann.

Vielleicht können wir Menschen nicht alle so sein wie Sie, liebe Preisträger. Dennoch sollte jeder von uns sich für seine Mitmenschen einsetzen. Vielleicht einmal im Jahr, einmal im Monat, einmal in der Woche eine Gelegenheit nutzen und das Prinzip Verantwortung und Nächstenliebe, je nach eigenen Kräften und Möglichkeiten, beim Wort nehmen?

Humanitäre Verantwortung können wir nicht einfach an einige wenige Menschen in den Vereinen und Gemeinden und an ihre beherzten Mitstreiter delegieren, und es damit bewenden lassen. Was Not tut, ist der Mut zur Verantwortung für das eigene Tun und Lassen und die Bereitschaft, für den anderen da zu sein, so wie es unsere Preisträger vorleben.

Der Freistaat Thüringen will mit der heutigen Auszeichnungsveranstaltung dazu ermutigen. Wir wollen engagierten Menschen danken, wollen ihnen Anerkennung zuteil werden lassen. Aber – und das erscheint mir ebenfalls sehr wichtig – wir wollen auch zur Übernahme von Verantwortung ermuntern.

Andere, vor allem junge Menschen ermutigen, sich zu beteiligen und unser Gemeinwesen in vielfältiger Weise zu bereichern und zu gestalten. Auch in Zukunft wird unsere Gesellschaft auf jene angewiesen sein, die sich in Vereinen für unsere reiche Kulturlandschaft und unsere Natur engagieren, die Betreuung Jugendlicher übernehmen oder sich für Hilfsbedürftige einsetzen.

Ihr Beispiel, liebe Preisträger, zeigt: Die Hochherzigkeit hat keinesfalls ausgedient. Sie wird in und für unser Gemeinwesen gebraucht. Das Schöne an ihr ist: Jeder kann sie in jeder Situation beherzigen. Denn sie ist bloß eine Frage der Lebenseinstellung, eine Eigenschaft, die sich jeder aneignen kann.

Tugenden, so behauptet Aristoteles, wären Umwege zum Glück. Sie führen über das Wohlergehen anderer zum eigenen Glück. Ich würde mich freuen, wenn noch viele weitere Menschen in unserem Land diesen Umweg als Lebensweg für sich entdeckten. Allen, die ihn bereits kennen und nutzen, wünsche ich weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

Freuen Sie sich nun mit mir auf die Auszeichnungen, die Herr Minister Dr. Zeh gleich vornehmen wird.