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Rede im Thüringer Landtag
Rede
der Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit
Christine Lieberknecht
anlässlich der 89. Plenarsitzung des Thüringer Landtages am 9.Juli 2008
„Bilanz und Ausblick nach dem 4. Thüringer Ehrenamtstag am 18. Mai 2008 in Hildburghausen“
Sehr geehrte Frau Präsidentin,
sehr verehrte Damen und Herren Abgeordnete,
zum Antrag der CDU-Fraktion darf ich Ihnen folgenden Sofortbericht abgeben:
in Thüringen sind nach neuesten Schätzungen über 750.000 Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich tätig. Dies entspricht einem Anteil von über 33 % der Gesamtbevölkerung. Damit liegt Thüringen im Vergleich zu anderen Ländern an der Spitze. Nahezu kein Bereich im staatlichen und gesellschaftlichen Leben Thüringens kommt ohne die ehrenamtliche Arbeit von Frauen und Männern aus.
Dafür dürfen und müssen wir alle dankbar sein.
Die Zahl der engagierten Bürgerinnen und Bürger hat in den letzten Jahren stetig zugenommen, und das bürgerschaftliche Engagement ist immer stärker in den Blick der Öffentlichkeit gerückt.
Die Landesregierung hat Ihren Beitrag geleistet, um gute Rahmenbedingungen für das bürgerschaftliche Engagement in Thüringen zu schaffen.
Die Ehrenamtsstiftung – die auch aus Landesmitteln gefördert wird – hat sich etabliert.
Sie leistet gute Arbeit.
Von dieser Stelle gilt mein Dank den Mitarbeiterinnen auch dafür.
Eine von vielen Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit auf das Ehrenamt zu lenken, sind die von der Thüringer Ehrenamtsstiftung durchgeführten Ehrenamtstage.
Nach drei erfolgreich organisierten Ehrenamtstagen in Jena, Altenburg sowie Gera hat die Stiftung am 18. Mai 2008 in Hildburghausen zum vierten Mal einen Thüringer Ehrenamtstag durchgeführt.
Mit diesem „Tag des Ehrenamtes“ sollen die Vielfalt und die Chancen des Ehrenamtes aufge-zeigt werden.
Es soll gleichzeitig vermittelt werden, dass freiwilliges ehrenamtliches Engagement eine Bereicherung für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft darstellt.
Darüber hinaus soll an diesem Tag herausgestellt werden, dass sich bürgerschaftliches Engagement lohnt und dass für eine funktionierende Demokratie die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen von herausragender Bedeutung ist.
Interessant und aufschlussreich war der am Ehrenamtstag in Hildburghausen präsentierte Markt der Möglichkeiten, den ich auch selber besucht habe.
An über 50 Ständen konnten sich Bürgerinnen und Bürger über die Möglichkeiten für ein freiwilliges Engagement in der Region Hildburghausen informieren und wurden darüber hinaus angeregt und ermuntert, sich in ehrenamtliche Projekte ihres sozialen Umfeldes einzubringen.
Die vielen Angebote auf dem Markt der Möglichkeiten und die große Anzahl an Besuchern haben mich sehr beeindruckt.
Insgesamt besuchten circa 1200 Menschen nicht nur aus dem Landkreis den Markt der Möglichkeiten und sie waren sehr angetan von dieser Art der Präsentation des Ehrenamtes.
Kurzum, das Ehrenamt zeigte sich in seiner ganzen Breite und Vielfalt. Dies ist auch ein Zeichen der Verbundenheit der Bürgerinnen und Bürger zu ihrer Heimat.
Wer sich engagiert, identifiziert sich mit seiner Heimat!
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Landkreis Hildburghausen nimmt das Ehrenamt seither einen hohen Stellenwert ein.
Bereits 2004 bewarb sich der Landkreis um den ausgelobten Preis „Ehrenamtsfördernde Kommune“ und erzielte in der Kategorie „Landkreise“ unter sieben Bewerbern den ersten Platz.
Sehr gut angenommen an diesem Tag wurde auch die Würdigung von Bürgerinnen und Bürgern an, die mit der Sportplakette, dem Thüringer Ehrenamtszertifikat und der Ehrenamtscard ausge-zeichnet wurden.
Dies zeigt: Bei uns in Thüringen gibt es eine ausgeprägte „Kultur des Helfens“, die sich eher in "Verborgenen" abspielt.
Und auch dazu sollten die Auszeichnungen auf dem Ehrenamtstag dienen: vorbildliche Leistungen hervorzuheben, die in unserer hektischen Zeit oftmals nicht die verdiente Beachtung finden.
Der 4. Thüringer Ehrenamtstag war gleichzeitig der Abschluss der Festwoche anlässlich des 140. Geburtstages des Landkreises Hildburghausen.
Ziel der Veranstaltung war es, den Menschen, die sich hinter den Kulissen seit langem in ihrer Freizeit unentgeltlich engagieren, ein wenig Anerkennung zukommen zu lassen.
Daneben sollten weitere ehrenamtliche Helferinnen und Helfer motiviert und geworben werden.
Das große Interesse an dem Thema „Ehrenamt“ wurde auch dadurch deutlich, dass viele Bürgerinnen und Bürger im Landratsamt anriefen und fragten, ob sie den Tag mit gestalten könnten.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Sie haben meinen Ausführungen entnehmen können, dass der 4. Thüringer Ehrenamtstag ein voller Erfolg war.
Die Bilanz ist sehr positiv.
An diese „Erfolgsgeschichte“ der ehrenamtlichen Arbeit im Freistaat Thüringen lässt sich auch in der Zukunft anknüpfen.
Daher wird im Jahre 2009 der 5. Thüringer Ehrenamtstag voraussichtlich im Landkreis Gotha stattfinden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Förderung des Ehrenamtes in Thüringen erfolgt nicht nur auf den Ehrenamtstagen.
Das bürgerschaftliche Engagement in Thüringen ist von einer großen Vielfalt gekennzeichnet.
Der Staat ist auf die Leistungen ehrenamtlicher Helfer und Vereine angewiesen.
Die Thüringer Landesregierung versucht durch vielfältige Maßnahmen, noch mehr Menschen zu entsprechendem Engagement zu bewegen.
Bereits seit 1993 verleiht die Landesregierung die "Thüringer Rose" für Ehrenamtliche Sozialarbeit.
Sie erinnert an das Rosenwunder der Heiligen Elisabeth und wird auch in diesem Jahr am 19. November auf der Wartburg verleihen.
Seit 2004 verleiht die Thüringer Ehrenamtsstiftung die Auszeichnung „Thüringer Ehrenamtszertifikat".
Das Thüringer Ehrenamtszertifikat ist für den Inhaber ein Beleg für sein freiwilliges unentgeltliches bürgerschaftliches Engagement.
Es kann insbesondere für junge Menschen ein landesweit anerkanntes Zertifikat für Studien- und Berufsbewerbungen sein.
Die durch die Thüringer Ehrenamtsstiftung eingeführte Thüringer Ehrenamtscard ist ebenfalls ein wichtiges Instrument der Würdigung und Anerkennung des Ehrenamtes.
Mit dieser Card würdigen die Landkreise, die kreisfreien Städte und die Thüringer Ehrenamtsstiftung öffentlich die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Bürgerinnen und Bürger, die sich in besonderer Weise für ihre Mitmenschen einsetzen, sprechen ihnen persönlichen Dank aus und stärken ihre Motivation für das Engagement.
Die damit verbundene Gewährung von bestimmten Vergünstigungen durch Landkreise, Städte und Gemeinden im Freistaat Thüringen (ebenso privater Unternehmen) ist ein öffentliches Signal der Wertschätzung freiwilligen bürgerschaftlichen Engagements.
Die Ehrenamtscard wurde erst-mals auf dem 2. Thüringer Ehrenamtstag am 23. September 2006 in Altenburg verliehen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich auch ganz besonders über die Einführung der Thüringer Ehrenamtsversicherung zum 1. April 2008.
Mit dieser Versicherung hat die Thüringer Landesregierung, die Thüringer Ehrenamtsstiftung und der Sparkassenverband SparkassenVersicherung – nach jahrelanger Diskussion – die Voraussetzung für das Ehrenamt wesentlich verbessert.
Dies ist insbesondere dem ehemaligen Staatssekretär Hermann Ströbel zu verdanken, der leider viel zu früh verstorben ist.
Wer sich in öffentlichen Ehrenäm-tern, in der Kirche oder in der Wohlfahrtspflege, im Sport oder bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert, ist in der Regel durch den Träger versichert.
Aber auch, wer sich in kleinen Gruppen, Initiativen oder Projekten ehrenamtlich engagiert, braucht einen entsprechenden Versicherungsschutz.
Hierzu dient die Thüringer Ehrenamtsversicherung, die den Versicherungsschutz für bürgerschaftliches Engagement im Freistaat Thüringen deutlich verbessert.
Folgende aktuelle Maßnahmen und Projekte werden gerade angepackt:
So fand am 3. Juli 2008 erstmalig Landesweit ein Projekttag unter dem Thema „Thüringer Schülerinnen und Schüler engagieren sich“ statt.
Die Thüringer Ehrenamtsstiftung, Thüringer Freiwilligenagenturen und Bürgerstiftungen sowie zahlreiche Thüringer Kommunen haben in besonderer Weise das freiwillige bürgerschaftliche Engagement von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.
Im Rahmen dieses Projektes haben Kinder und Jugendliche die Vielfalt des ehrenamtlichen Engagements kennengelernt, ihre sozialen Fähigkeiten unter Beweis gestellt, gelernt, Verantwortung zu übernehmen.
Ideen gewinnen und wesentliche Fähigkeiten auch für ihr späteres Berufsleben erkennen und für ihr Engagement öffentliche Anerkennung erhalten.
Wer sich in seiner Jugend erst-mals engagiert, wird auch mit einer viel größeren Wahrscheinlichkeit zu den später Engagierten gehörten.
Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Marktplatz-Methode „Gute Geschäfte“, die bereits erfolgreich in Jena, im Unstrut-Hainich-Kreis, in Erfurt, Nordhausen sowie Weimar eingeführt wurde.
Nunmehr soll die Marktplatz-Methode im Rahmen eines dreijährigen Modellprojektes flächendeckend in allen 23 Gebietskörperschaften des Freistaates etabliert werden.
Ein solcher „Marktplatz“ bringt gemeinnützige Organisationen und Wirtschaftsunternehmen für einige Stunden an einem Ort zusammen, um wie auf einem Markt für die Nachfrage der gemeinnützigen Seite nach Unterstützung die entsprechenden Angebote gesellschaftlichen Unter-nehmensmanagements und umgekehrt zu finden.
Ziel ist es, die Zusammenarbeit von gemeinnützigen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen weiter auszubauen, die Lebensqualität durch soziale Partnerschaften im Sozialraum zu verbessern und zur Weiterentwicklung eines funktionierenden Gemeinwesens nachhaltig beizutragen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
an dieser Stelle möchte ich auch noch kurz auf die Engagementförderpolitik in den anderen Ländern eingehen.
Festzuhalten ist, dass die Thüringer Ehrenamtsstiftung bundesweit einmalig ist. In keinem anderen Land existiert eine solche Stiftung.
Die Engagementförderpolitik in den meisten anderen Ländern erfolgt über eine beziehungsweise teilweise auch über mehrere oberste Landesbehörden.
Hessen beispielsweise hat neben der für das Ehrenamt zuständigen Staatskanzlei eine LandesEhrenamtsagentur etabliert.
Dabei handelt es sich um eine Service-Stelle für Kommunen, Verbände und Vereine, aber auch für engagierte Einzelpersonen in allen Fragen rund um das Ehrenamt.
Als Dach eines Netzwerks verknüpft die LandesEhrenamtsagentur die vielfältigen Aktivitäten der hessischen Städte und Gemeinden, organisiert Fachtagungen und Fortbildungsveranstaltungen und ermöglicht damit ei-nen hessenweiten Erfahrungsaustausch.
In Baden-Württemberg hingegen gibt es das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, welches das Ehrenamt im Land durch systematische und kontinuierliche Arbeit an Rahmenbedingungen und Strukturen begleitet und unterstützt.
Es fördert die bürgerschaftliche Beteiligung und ermöglicht das Zusammenwirken der unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure und Bereiche im Sinne gemeinsam wahrgenommener Verantwortung.
In Rheinland-Pfalz wurde vor einiger Zeit in der Staatskanzlei eine Leitstelle Bürgergesellschaft und Ehrenamt eingerichtet.
Diese Leitstelle kümmert sich um die Koordinierung und Abstimmung engagementfördernder Aktivitäten über die Grenzen der Ressorts hinweg und setzt sich für die Stärkung von Beteiligungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger ein.
Insbesondere in den Stadtstaaten haben sich wiederum sogenannte „Runde Tische“ des Ehrenamtes gebildet.
Schon allein an diesen Beispielen kann man erkennen, wie unterschiedlich die Strukturen der Eh-renamtsförderung in den einzelnen Ländern sind.
Gemeinsam ist aber allen Ländern das Bestreben, die Rahmenbedingungen des Ehrenamtes stetig zu verbessern, die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements, die Vielfalt der Tätigkeitsformen und die Zusammenarbeit der Engagierten zu stärken und zu Gunsten der kommunalen Gemeinschaft und einer starken Demokratie zu entfalten.
Dies erfolgt in den meisten Ländern durch die Einführung von Landesversicherungen, Ehrenamtszertifikaten, Ehrenamtscards, Freiwilligenbörsen, Ehrenamtstagen, sonstigen Veranstaltungen, Ehrenamtspreisen, Wettbewerben, Fachtagungen sowie sonstigen Projekten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!