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Jahresempfang der Bayerischen Diakonie
Festrede
der Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit,
Christine Lieberknecht (CDU), anlässlich des Jahresempfangs der Bayerischen Diakonie
Sehr geehrter Herr Dr. Markert (Präsident Diakonie Bayern),
sehr geehrter Herr Landesbischof Johannes Friedrich,
Sehr geehrter Herr Regionalbischof Wilfried Beyhl,
sehr geehrter Bezirkstagspräsident Dr. Denzler,
sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Einladung zum diesjährigen Jahresempfang der Bayerischen Diakonie.
Das Thema Ihrer Veranstaltung lautet: "200 Jahre mitten im Leben“. Sie erinnern damit an das Jubiläum von Johann Hinrich Wichern und Wilhelm Löhe. Im Mittelpunkt dabei steht das Thema Armutsbekämpfung.
Gerade die Wahl dieser Themen zeigt eindrucksvoll, dass die Diakonie Bayern wirklich "mitten im Leben" steht.
Für eine Sozialministerin, die aus Thüringen kommt, stellen diese Themen eine besondere Herausforderung dar.
Auch wir Thüringer haben im letzten Jahr ein besonderes Jubiläum gefeiert: 800 Jahre Heilige Elisabeth von Thüringen.
Bis in unsere Zeit hinein erscheint Elisabeth von Thüringen vielen Christinnen und Christen als miserycordia regnans – als eine herrschaftliche Gestalt, die die Barmherzigkeit mit ihrer ganzen Person verkörpert. Das hängt zu erst einmal mit ihrer besonderen Ausstrahlung und Haltung gegenüber ihren Mitmenschen zusammen, aber auch damit, was durch Wort und Bild von ihr vermittelt wurde. Die Pilger, die nach der schnellen Heiligsprechung Elisabeths zu ihrem Grab nach Marburg kamen, sahen auf ihrem Schrein von 1236 die sieben Werke der Barmherzigkeit abgebildet (Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote begraben).
Gerade in dieser Heiligen bekommt die Barmherzigkeit Gottes ihre menschliche Gestalt.
Die Heilige Elisabeth ist die Verkörperung der Barmherzigkeit.
Menschen die Not leiden, Menschen ohne Hoffnung und Zuversicht, Menschen ohne die Chance, ihr Leben selbst zu planen und Menschen am Rande der Gesellschaft, sie brauchen uns.
Gerade auch bei der Diakonie in Bayern steht die konkrete Hilfe für einzelne Menschen und Gruppen im Vordergrund. Unser gemeinsamer Anspruch, "Hilfe, die wirklich ankommt", soll und muss auch weiterhin im Mittelpunkt bleiben. (Anmerkung: Unser/der diakonische Anspruch würde lauten „Damit leben gelingt“) Unser Anliegen ist eben nicht nur die Hilfe in Form von Gütern, sondern vor allem ein deutliches Zeichensetzen, weshalb wir unsere Hilfe leisten. "Brich dem Hungrigen dein Brot" (Jesaja 58,7) und "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan" ist und bleibt die Motivation unseres Handelns.
Meine Damen und Herren,
grundsätzlich sind Staat und Kirche getrennt. Aber sie sind sich auch in vielerlei Fragen und Aufgaben verbunden:
Etwa in der Sorge um das Gemeinwesen, etwa in der Fürsorge für diejenigen in unserer Gesellschaft, die Hilfe benötigen. Hier haben kirchliche Einrichtungen eine wichtige Aufgabe, sei es im Bereich der Kinderbetreuung, der Jugendarbeit oder der Betreuung von Seniorinnen und Senioren. Dies verdient unseren Dank.
Ich finde diese gemeinsame Verantwortung, die Politik wie Kirche für den Nächsten haben, kommt auch auf schöne Weise in den Begriffen "Diakon" und "Minister" zum Ausdruck: Denn Beide bedeuten ja das selbe, Beides heißt – eines auf griechisch und eines auf lateinisch – "Diener".
Staat und Kirche haben die Aufgabe und Verpflichtung, den Menschen zu dienen.
Johann Hinrich Wichern und Wilhelm Löhe sind nicht nur die Gründerväter der Diakonie und sozusagen die Erfinder der "Inneren Mission". Wichern und Löhe haben zu ihrer Zeit genau hingeschaut und gehandelt! Sie sind Sozialpioniere in Deutschland, auf die unser gesamtes Volk stolz sein kann.
Was Wichern und Löhe von anderen unterschied, war ihre Bereitschaft, angesichts des Elends ihrer Zeit nicht wegzuschauen. Um genau dieses Anliegen geht es uns auch weiterhin: Hinschauen, möglichst genau und konkret. Es gilt, die Nöte unserer Zeit beim Namen zu nennen. Das wird in vielen Fällen nur zeichenhaft und beispielhaft sein können, aber das wird nicht ohne Wirkung bleiben. Unsere Gesellschaft braucht mehr Gerechtigkeit. So notwendig dies auch ist – auf dem Fundament der Gerechtigkeit braucht unser gesellschaftliches Haus auch Barmherzigkeit und Solidarität für jene, die allein nicht mit dem Leben zurechtkommen. Gerade im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen gilt es, der gesellschaftlich anzutreffenden Kälte zu widerstehen und Räume zu bewahren und auszubauen, in denen der Mensch Zuwendung und Wärme empfangen kann.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich an ein weiteres Jubiläum erinnern, das in der breiten Öffentlichkeit bisher nur sehr unzureichend wahrgenommen hat.
Wir begehen in diesem Jahr auch 60 Jahre Soziale Marktwirtschaft.
Die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes haben ausdrücklich festgelegt, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Sozialstaat ist.
Auch Ludwig Erhard hat immer den Begriff "Soziale Marktwirtschaft" und nie den Begriff "Freie Marktwirtschaft".
Sowohl unser Grundgesetz als auch die Idee der sozialen Marktwirtschaft sind keine theoretischen Konstruktionen. Sie sind nicht am "grünen Tisch", sie sind nicht am Reißbrett entstanden.
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Idee der Sozialen Marktwirtschaft sind das Ergebnis ganz praktischer historischer Erfahrungen.
Deshalb sollten wir auch bei der Lösung der heutigen Probleme die Erfahrungen der deutschen Geschichte beachten! Die Heilige Elisabeth, Johann Hinrich Wichern, Wilhelm Löhe sind nach wie vor aktuell.
Es gilt, die aktuellen sozialpolitischen Herausforderungen gemeinsam zu lösen und unseren Sozialstaat und die Soziale Marktwirtschaft dauerhaft zu sichern und zukunftsfest zu machen!
Dass dabei gerade die Wohlfahrtsverbände wichtige Akteure und auch ein wichtiger auch ökonomischer Faktor sind, ist den wenigsten bewusst: In Deutschland sind über 1,3 Millionen Hauptamtliche tätig, dazu kommen noch 2,9 Millionen ehrenamtliche Mitarbeiter. So gesehen ist die Freie Wohlfahrtspflege der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Sie erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von über 50 Milliarden Euro. (Die Diakonie in Bayern : 1.2 Milliarden mit 60.000 Mitarbeitenden). Würde man die ehrenamtliche Arbeit in Euro und Cent umrechnen, ergäbe sich eine Wertschöpfung von mehr als 80 Milliarden Euro.
Sehr geehrte Damen und Herren,
gerade die Geschichte der Diakonie ist eine Erfolgsgeschichte.
Ich halte es für sehr wichtig, dass wir uns unserer historischen und geistesgeschichtlichen Wurzeln bewusst werden.
Dies gilt auch für die Diakonie in Bayern.
Die Geschichte der Diakonie ist ein wichtiges Stück Sozialgeschichte.
Sie zeigt die Entwicklung von Wohltätigkeit, die früher mit dem Begriff "Liebestätigkeit" bezeichnet wurde. Damit war die sozial-karitative Hilfe für notleidende und hilfsbedürftige Menschen gemeint. Aber ebenso ging es um eine Zurückführung der Menschen zur Kirche – um eine so genannte "Innere Mission". Denn in einer Entchristlichung der Gesellschaft sahen die Gründer der Diakonie eine wichtige Ursache der sozialen Missstände.
Gestatten Sie mir dazu ein Zitat Wicherns: "Die Innere Mission will dem Staat in Freiheit dienen, wo und wann er in seinem Gebiete auf diese Erweisungen christlicher Barmherzigkeit, Weisheit und Kraftansprüche macht."
Sehr geehrte Damen und Herren,
die erste Einrichtung der Diakonie in Bayern entstand vor ziemlich genau 185 Jahren.
Es fällt schwer, sich vorzustellen, unter welchen Umständen die Menschen in Deutschland damals leben mussten.
Es war die Zeit der industriellen Revolution, eine Zeit eines gewaltigen Strukturwandels.
Natürlich brachte die industrielle Revolution viele Erleichterungen für die Menschen. Erleichterungen, die in unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken sind.
Aber: Die Kehrseite des Glanzes, welche die Entwicklung von Industrie und Technik mit sich brachte, war das Elend der breiten Massen in den überfüllten Städten, die dem Zustrom nicht gewachsen waren und sich mangels Kanalisation und Hygieneeinrichtungen wiederholt Epidemien wie die Cholera ausgesetzt sahen. Auch in Deutschland zeigten sich die krassesten Auswüchse des Frühkapitalismus.
Frauen und Männer, Geistliche, Professoren, Bürger und sogar Dienstmägde gründeten aus religiösen Motiven Vereine, die sich verwahrloster Kinder oder kranker und verarmter Menschen annahmen. Denn staatliche soziale Sicherungssysteme wie heute gab es nicht und die herkömmlichen familiären Absicherung zerbrachen oder waren schon zerbrochen.
Das erste bayerische Rettungshaus für verwahrloste Knaben entstand 1824 in Nürnberg durch den Theologieprofessor Karl von Raumer – und das knapp zehn Jahre vor der Gründung der Inneren Mission in Deutschland! Diese wurde 1833 von Johann Hinrich Wichern in Hamburg ins Leben gerufen. Wichern und seine Einrichtung gaben in der Folgezeit wichtige Impulse für die Diakonie in Bayern. 1849 unternahm er eine Werbereise für die Innere Mission durch Bayern, die eine wahre Gründungswelle von karitativen Einrichtungen zur Folge hatte: Allein 15 Rettungshäuser lassen sich auf diese Reise Wicherns zurückführen. In Bayern hinterließ er beispielsweise Spuren in Erlangen, Würzburg, Augsburg und München.
Auch in Bayern gab es starke und beeindruckende Persönlichkeiten, die karitative Einrichtungen ins Leben riefen.
Besonders wichtig ist das Wirken Wilhelm Löhes, der Pfarrer in Neuendettelsau war. Seine Gründung des Diakonissen-Mutterhauses in Neuendettelsau im Jahr 1854 entwickelte eine ganz besondere Strahlkraft, die bis in die Gegenwart anhält: Fast 6.000 Beschäftigte zählt die Einrichtung heute! Neuendettelsauer Diakonissen waren früher sogar über Bayern hinaus im Einsatz. Ihre Schwesterntracht wurde zum Inbegriff der Diakonie schlechthin.
Lassen Sie mich an dieser Stelle der Diakonie in Bayern meinen großen Respekt und meinen Dank aussprechen für die aufopferungsvolle und selbstlose Arbeit.
Die Diakonie ist eine tragende Stütze unseres Sozialstaates. Ohne die breite Palette wohlfahrtsverbandlicher Aktivitäten und Leistungen könnten unser Staat und seine Sozialordnung nicht funktionieren. Dies gilt sowohl für den Freistaat Bayern als auch für den Freistaat Thüringen.
Doch auch die Diakonie befindet sich heute in einer Phase des Umbruchs.
Gesichtspunkte von "Wirtschaftlichkeit" und "Finanzierbarkeit" bestimmen zunehmend die Diskussion und prägen neue "Geschäftsfelder".
Viele Wohlfahrtsorganisationen haben sich zu regelrechten "Sozialkonzernen" entwickelt. Auch im sozialen Bereich gibt es einen regelrechten Wettbewerb am Markt.
Alle Verantwortlichen – insbesondere jedoch die christlichen Wohlfahrtsverbände – sollten sich daher immer fragen, wie sich eine solche Entwicklung mit Nächstenliebe und selbstloser Hingabe verträgt.
Hier geht es auch um die Glaubwürdigkeit und die Zukunft der Freien Wohlfahrtspflege!
Johann Heinrich Wichern war glaubwürdig! Er hat so gelebt und so gehandelt, wie er es von anderen gefordert hat.
Johann Hinrich Wichern ist auch in unserer heutigen Zeit noch aktuell. Ja! – Er ist aktueller denn je.
Wicherns Verständnis der inneren Mission – "Bekenntnis des Glaubens durch die Tat der rettenden Liebe" – zeichnet vor, dass aus dem Gebot der Nächstenliebe heraus Kirche stets Anwalt der Schwachen zu sein hat. Auch schon die Heilige Elisabeth, Franz von Assisi und Jesus selbst standen immer in der ersten Reihe, wenn es galt, Armut und Not zu erkennen und zu lindern, zu verhindern oder zu beseitigen.
Wichern wollte, dass Kinder aus Armutsfamilien von der Straße kamen, dass sie zu essen hatten, ja noch mehr: dass sie eine Heimat fanden.
Ich möchte also ausdrücklich betonen, dass es – damals wie heute – nicht nur darum geht, materielle Armut zu beseitigen, sondern es geht um Grundwerte und Prinzipien in unserer Gesellschaft.
Christliche Grundwerte sind auch der Maßstab dafür, wie wir die aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft anpacken müssen.
Eine der größten aktuellen Herausforderungen ist die Bekämpfung der zunehmenden Armut.
Damit meine ich eben nicht nur die materielle Armut. Ich weise ausdrücklich noch einmal auf die sieben Tugenden der Barmherzigkeit hin, die ich zu Beginn meiner Rede erwähnt habe.
Letztlich geht es bei dieser Frage um die Würde des Menschen insgesamt. Es geht um die Erfüllung des Schöpfungsauftrages.
In der Armutsdiskussion geht es insbesondere um die tätige Teilhabe der Menschen.
In den reichen Ländern benutzen wir meisten einen relativen Armutsbegriff. Weil er relativ ist, ist er umstritten. Armut und Reichtum gibt es aber wirklich, im täglichen Leben, auch bei uns.
Armut ist aber mehr als sieben Werke empfangen und Armutsbekämpfung.
Eine effiziente Armutsbekämpfung besteht vielmehr darin, gegen die Armut an der Teilhabe etwas zu tun.
Insbesondere müssen wir alle Bürger zu einer wirklichen Teilhabe befähigen.
Es entspricht der Menschenwürde, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Dies gilt bereits für die Kinder.
Doch wie sieht unsere Lebenswirklichkeit heute in Deutschland aus?
So sind etwa 40 % der Kinder von Alleinerziehenden von Armut bedroht, 30 % der Migrantenkinder sowie fast zwei Drittel der Kinder von Hartz IV-Empfängern.
Armut hat vor allem und zuerst Auswirkungen auf Kinder. Sozial benachteiligte Kinder ernähren sich ungesünder, bewegen sich weniger, bleiben immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich, besuchen keine weiterführenden Schulen, haben nur mangelhafte Ausbildungschancen und ihnen fehlt eine ausreichende soziale Unterstützung. Die fehlenden Bildungschancen führen dazu, dass wichtige Potentiale der Kinder und Jugendlichen oft verloren gehen. Auch bei uns in Thüringen wies jedes dritte Kind bei seiner Einschulung schon therapiebedürftige Verhaltensauffälligkeiten auf, jeder vierte Jugendliche hat die Schule "ohne Beherrschung des Mindestmaßes an Kulturtechnik" verlassen, das Voraussetzung für einen Hilfsarbeiterjob wäre.
Die Armut in Deutschland ist nicht nur eine materielle Armut. Viele Kinder wachsen heute ohne Geschwister auf oder verlassen eine Schule ohne Abschluss. Auch sie sind arm.
Wir müssen in unsere Kinder investieren, um zukunftsfähig zu sein. Als Landesregierung und als Kirche haben wir den Auftrag, die Kleinen in die Mitte unserer Gesellschaft zu stellen, denn für Jesus Christus selbst standen die Kinder im Mittelpunkt. Damit hat er uns in die Pflicht genommen, über unsere eigenen Familien hinaus zu sehen, den Blick auf alle Kinder in unserem Land zu richten und dafür zu sorgen, dass sie zu ihren Rechten kommen.
Auch in Thüringen und Bayern gibt es sie: Die Eltern, die kein Geld haben für Bilderbücher oder später für die Schultüte und den Taschenrechner.
Die Armen sind nicht dort draußen, sie sind mitten unter uns, mitten in unseren Gemeinden und Einrichtungen können wir also mit unserem Einsatz dafür beginnen, dass alle Kinder eine Chance auf Beteiligung und Bildung haben.
Die beiden großen Kirchen haben bereits 1997, also vor über zehn Jahren, noch vor dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung in ihrem gemeinsamen Wort "für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" von "tiefen Rissen" gesprochen, "die durch unser Land gehen". Sie haben auf den wachsenden Gegensatz von Wohlstand und Armut verwiesen und festgestellt, dass "Solidarität und Gerechtigkeit heute keine unangefochtene Wertschätzung mehr genießen".
An dieser Stelle möchte ich auch an die EKD-Denkschrift "Gerechte Teilhabe" erinnern.
Dort hat Bischof Dr. Wolfgang Huber im Juni 2006 geschrieben: "Für eine Verbesserung der Teilhabemöglichkeiten müssen aber auch die materiellen Voraussetzungen geschaffen werden, so dass die bisher vielfach behauptete Kontroverse zwischen Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu Gunsten einer differenzierten Verschränkung beider Blickrichtungen überwunden wird. Ohne materielle Verteilungsgerechtigkeit läuft Chancengleichheit ins Leere. Aber ohne die Schaffung von Teilhabegerechtigkeit – insbesondere im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt – ist der traditionelle Verteilungsstaat unvollkommen."
Der gesellschaftliche Konsens scheint also brüchiger geworden zu sein. Da gibt es widerstreitende Interessen von kinderreichen Familien, von Singles, von älteren und von jüngeren Menschen, von Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen.
Teilhabe und Ausgrenzung sind also zwei Seiten der gleichen Medaille – wie vor rund 200 Jahren.
Dies ist auch eine zentrale Frage der Zukunft unserer freiheitlichen Demokratie.
Wir müssen das "Auseinanderdriften" unserer Gesellschaft – ja die Spaltung unserer Gesellschaft – verhindern.
Meine Damen und Herren,
wir bereits auch in der erwähnten EKD-Denkschrift beschrieben, ist der Faktor "Arbeit" ein ganz zentrales Element bei der Gestaltung unseres Sozialstaates und bei der Lösung der aktuellen Herausforderungen.
Arbeit zu haben bedeutet viel mehr, als nur über Einkommen zu verfügen. Arbeit ist in unserer Gesellschaft auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, es ist die Möglichkeit, das eigene Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Davon profitieren die Starken genauso wie die Schwachen in unserer Gesellschaft.
Die sozialen und die politischen Kosten von Armut und Ausgrenzung müssen wir alle tragen:
- Wer am Rand der Gesellschaft steht, der wird leichter das Opfer politischer Rattenfänger, die auf alles eine Antwort und für nichts eine Lösung haben.
- Armut und Gewalt stehen oft in einem engen Zusammenhang. Darum ist Armutsbekämpfung auch ein Stück Gewaltprävention. Das darf man nicht übersehen und das muss man auch ansprechen.
Armutsbekämpfung setzt an vielen Stellen an: Im Bildungsbereich, auf dem Arbeitsmarkt, in der Schuldnerberatung und natürlich auch bei der Familienförderung.
Es wäre aber ein Irrglaube, dass soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit dann am besten erfüllt würden, wenn möglichst viel Geld für soziale Aufgaben ausgegeben wird.
Ein staatliches Handeln, das den Sozialstaatsauftrag ernst nimmt, muss als Ziel haben, dass es möglichst wenige Arbeitslose gibt und nicht möglichst hohe Ausgaben für Sozialleistungen.
Es bleibt eine Kernaufgabe des Staates, sich um die zu kümmern, die am Rande stehen und sie wieder zurückzuholen in die Mitte unserer Gesellschaft. Der Staat muss für Chancen und Teilhabegerechtigkeit sorgen.
Soziales Engagement ist aber nicht nur Sache des Staates.
Mehr als 20 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland ehrenamtlich – der größte Teil im sozialen Bereich. An dieser Stelle möchte ich nochmals ein großes Lob, meine persönliche Anerkennung und einen herzlichen Dank an alle Menschen richten, die im Ehrenamt tätig sind.
Gerade die Diakonie in Bayern ist seit jeher ein leuchtendes Vorbild für bürgerschaftliches Engagement. Dafür möchte ich Ihnen öffentlich meinen herzlichen Dank und meine Anerkennung aussprechen. Dies ist eine unschätzbare Hilfe.
Die Bereitschaft von Menschen, etwas für andere und sich zu tun, ist durch nichts zu ersetzen. Dieses Engagement kann und muss den Sozialstaat ergänzen durch praktische Solidarität im Alltag.
Wer Armut erfolgreich bekämpfen will, der muss sich im politischen Handeln an den alten und nach wie vor gültigen Werten orientieren. Gerade im Jubiläumsjahr von Johann Hinrich Wicherns stellt dies eine besondere Verpflichtung für uns alle dar: An Solidarität und Gerechtigkeit, an Mitmenschlichkeit und Mitgefühl!
Johann Hinrich Wichern hat einmal gesagt: "Nur der kann sich der Not in ihrer ganzen Breite entgegenstellen, der den Mut hat zur ersten kleinen Tat!"
In diesem Sinne wünsche ich der weiteren Arbeit der Diakonie viel Erfolg und Ihrem Jahresempfang einen guten Verlauf!