Freistaat Thüringen Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz

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Benchmarking in der Wasserversorgung des Freistaates Thüringen

Benchmarking wird definiert als Vergleich von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen in Unternehmen.
 
Benchmarking in der Wasserversorgung ist aber nicht die Gegenüberstellung von Trinkwasserpreisen verschiedener Bundesländer. In oberflächlichen Untersuchungen belegt Thüringen dabei immer hintere Plätze. Professionelles Benchmarking ist mehr als ein Preisvergleich im Landesdurchschnitt oder unter gleich großen Städten. Es ist eine Untersuchung der Effizienz eines Versorgungsunternehmens durch Vergleich mit anderen Unternehmen. Voraussetzung ist, dass die zu untersuchenden Prozesse tatsächlich vergleichbar sind und dass die einzelnen Parameter in der Gesamtbetrachtung entsprechend gewichtet werden. Ziel ist die Optimierung einzelner Prozesse in einem Unternehmen. Am Ende lässt sich daraus aber auch eine Aussage ableiten, wie gerechtfertigt der Preis für das Produkt Trinkwasser ist.
 

Es ließen sich bestimmt hundert Parameter finden, die auf die Kostenstruktur des Wasserversorgungsunternehmens und damit auf den Trinkwasserpreis Einfluss haben. In der gezielten Einflussnahme auf solche Parameter beweist sich das erfolgreiche technische und kaufmännische Handeln des Unternehmens. Beispielhaft seien als Denkanstoß folgende Parameter in Frageform genannt:

  •  Wie sind die topografischen Verhältnisse des Versorgungsgebietes? Handelt es sich um eine Ebene im Thüringer Becken oder eine Mittelgebirgsregion mit großen Höhenunterschieden? Muss das Rohwasser aus großer Tiefe gefördert werden oder läuft es „vom Berg“ aus zu?
  • Hat das Rohwasser bereits Trinkwasserqualität oder muss es aufwendig aufbereitet werden? Wie wird es aufbereitet? Gibt es überhaupt nutzbare örtliche Wasservorkommen oder muss das Wasser von einem Vorlieferer bezogen werden?
  • Müssen Nachteile von Landwirten im Trinkwasserschutzgebiet ausgeglichen werden?
  • Wie ist die Siedlungsdichte? Wie viele Kunden entnehmen Wasser aus einem Kilometer Wasserleitung?
  • Wie hoch sind die relativen Wasserverluste? Wie alt ist das Netz, wie hoch die Erneuerungsrate?
  • Wie viel Vorsorge zur Havariesicherheit wird betrieben? Wie hoch ist der Vernetzungsgrad der Leitungen? Wie viele Absperrarmaturen werden betrieben?
  • Zu welchen Bedingungen wurden vergangene Investitionen kreditiert? Stehen Fördermittel zur Verfügung? Zu welchen Konzessionen sind Energie und Kraftstoffe in der Region verfügbar?
  • Arbeitet das Unternehmen mit Fachkräften, bildet es aus oder setzt es auf Leiharbeit?
Zur Gegenüberstellung der Effizienz von Wasserversorgungsunternehmen ermittelte die International Water Association (IWA) brancheninterne und international anerkannte Kennzahlen, die eine Vergleichbarkeit der Unternehmen ermöglichen. Eine Projektgruppe der Fachhochschule Schmalkalden und der interdisziplinär arbeitenden Agentur Rödl & Partner führte zwischen 2003 und 2008  anhand dieser Kennzahlen zwei Benchmarkingprojekte mit Thüringer Wasserversorgungsunternehmen durch. Unter Wahrung der Anonymität betrieblicher Daten wirkten am letzten Projekt 16 Teilnehmer mit, davon 12 Teilnehmer zum zweiten Mal. Die Projektgruppe fasste die wesentlichen Ergebnisse aus zwei abgeschlossenen Projektrunden wie folgt zusammen:
 
Vorstellung des Benchmarkingprojektes
Vorstellung des Benchmarkingprojektes durch die Fachhochschule Schmalkalden, Foto: TMLNU


1.     
Die Kosten bezogen auf die Netzabgabe liegen im bundesweiten Vergleich auf überdurchschnittlichem Niveau.

Die Gesamtkosten bezogen auf die Netzabgabe gemessen in Kubikmeter liegen im bundesweiten Vergleich auf überdurchschnittlich hohem Niveau und sind im Zeitverlauf 2003 bis 2006 von 2,52 Euro auf 2,70 Euro pro Kubikmeter bzw. um jährlich 2,3 Prozent gestiegen. Der Kostenanstieg betrifft sowohl den Bereich der Kapitalkosten als auch die laufenden Kosten.

Dennoch:

 
2.      Die finanzielle Belastung des Endkunden bewegt sich auf bundesweitem Niveau.

Unter Berücksichtigung des spezifischen Wasserverbrauches und der durchschnittlichen Kosten pro Kubikmeter liegt die finanzielle Belastung des Endkunden pro Kopf und Jahr bei ca. 88 Euro und damit nur unwesentlich über den Durchschnittswerten in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrheinwestfalen.
 
3.      Die Netzabgabe bei den teilnehmenden Unternehmen ist weiter rückläufig.

Im Schnitt verbraucht jeder Thüringer Bürger ca. 90 Liter Wasser pro Tag. Der bundesweite Vergleichswert liegt bei 127 Liter pro Tag. Die Netzabgabe der betrachteten Unternehmen ist im Durchschnitt um etwa 3 Prozent im Vergleich der Jahre 2003 bis 2006 gesunken. Dies kann als eine der wesentlichen Ursachen für die vergleichsweise hohen Kostenkennzahlen gesehen werden.
 
4.      Die Personalausstattung ist im Zeitverlauf rückläufig.

Im Zeitreihenvergleich der Personalkennzahlen ist ein rückläufiger Trend festzustellen. Insgesamt liegen die Ergebnisse noch immer über den bundesweiten Mittelwerten. Im Gegenzug dazu liegen allerdings die durchschnittlichen Personalkosten pro Mitarbeiter nach wie vor deutlich unterhalb der bundesweiten Vergleichswerte.
 
5.      Die Versorgung der thüringischen Bevölkerung mit Trinkwasser ist sicher und zuverlässig.

Die hohe Versorgungssicherheit zeigt sich sowohl in einer konstant hohen durchschnittlichen Behälterkapazität sowie anhand der Tatsache, dass bei den teilnehmenden Unternehmen nahezu keine Versorgungsunterbrechungen von mehr als 12 Stunden auftraten, von der zumindest ein Prozent der versorgten Bevölkerung betroffen war.
 
6.      Die Wasserverluste konnten im Zeitverlauf kontinuierlich reduziert werden.

Bedingt durch den allgemeinen Zustand der Netzinfrastruktur sind sowohl die technischen (gemessen in Kubikmeter pro Kilometer Leitungsnetz und pro Stunde) als auch die kaufmännischen Wasserverluste (prozentualer Anteil der nicht verkauften Wassermenge) als hohe Verlustraten einzustufen. Die deutlich rückläufige Entwicklung dieser Kennzahlenwerte im Zeitverlauf zeigt allerdings, dass die ergriffenen Maßnahmen der Wasserversorgungsunternehmen zur Leitungserneuerung positive Wirkung entfalten.
 
7.      Der Umfang der Erneuerungsmaßnahmen liegt im bundesweiten Vergleich deutlich über dem Durchschnitt.
 
Die Netzerneuerungsrate des Jahres 2006 liegt deutlich über der des Jahres 2003. Mit einem Wert von 1,8 Prozent erreichen die thüringischen Wasserversorger einen bundesweiten Spitzenwert. Unter Berücksichtigung des Netzzustandes und der Wasserverluste erscheint dieser Wert sinnvoll und unter nachhaltigen Aspekten notwendig. Anhand der deutlich rückläufigen Schadensraten lässt sich zudem die Wirtschaftlichkeit solcher Maßnahmen nachweisen.